Wie aus Papa Mami wurde

Ein nicht ganz einfaches Thema und ich habe mich ganz zu Beginn, bevor ich mich offiziell geoutet habe sehr ausführlich damit beschäftig.

Meine Tochter war damals gerade mal 4 Jahre und ging in den Kindergarten. 

Kann ein Kind das verstehen wenn der Papa auf einmal eine Frau wird?

Kann ich sowas meinem Kind zumuten?

Was wenn sie wegen mir gehänselt wird?

Ich stellte mir zig solcher Fragen und war mir nicht sicher, soll ich es durchziehen für mich oder aus Rücksicht auf meine Tochter darauf verzichten und einfach so weiterleben wie bisher?

Meine erste Anlaufstelle war eine Kinderpsychologin der ich die Situation erklärte.

Sie erklärte mir, dass Kinder gerade in dem Alter mit sowas sehr gut zurecht kommen. Zudem sei es für sie mit Sicherheit besser mich als glücklich Frau und Mami zu haben wie als unglücklicher Papa.

Das klang ja eigentlich gut, aber ich bin halt mal so, dass ich bei sowas lieber eine zweite Meinung einhole zumal meine damalige Frau mir deswegen mega Vorwürfe gemacht hat und mir ständig vorgeworfen hat, ich wäre egoistisch und würde das Leben unserer Tochter ruinieren.

Also holte ich mir eine zweite Meinung bei meiner Psychologin (bei der ich wegen der Alkoholkrankheit meiner Frau der dadurch bedingten Co-Abhängigkeit war). Aber sie erklärte mir das gleiche wie die Kinderpsychologin.

Mein nächster Punkt war die Kindergartenleitung weil ich auch ihre Meinung dazu wissen wollte. Muss ich Angst haben, dass meine Tochter von anderen wegen mir gehänselt wird?

Ihre Antwort war wie die beiden davor. Sie meinte, Kinder kommen mit sowas sehr gut klar und gehänselt wird jeder mal egal aus welchem Grund. Vielleicht heute sie weil ich eine Frau werde und Morgen ist ein anderer dran weil die Mama oder Papa zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn, zu viel oder zu wenig Haare hat oder einfach das falsche Auto fährt.

OK, drei solche Meinungen reichten mir aus um es zu akzeptieren.

Ich fing also an Zuhause mich etwas weiblicher zu kleiden und es langsam anzugehen was meine Tochter nicht sehr beeindruckte.

Für sie war es relativ schnell völlig normal wenn ich Leggins trug oder auch leicht geschminkt war.

Also ich zum ersten mal ein Kleid anzog hat sie zwar gefragt, aber die Erklärung, dass mir das besser gefällt als Hosen und ich es bequemer finde war für sie OK.

Nach meinem offiziellen Outing war es auch kein Problem mehr, dass ich Angst hatte sie würde vielleicht im Kindergarten erzählen, dass ihr Papa Zuhause Kleider trägt. Ich habe mit ihr sehr viel geredet und ihr kindgerecht versucht zu erklären was mit mir los ist. Es gab nie einen Punkt an dem ich das Gefühl hatte, es wäre ein Problem für sie.

Auch im Kindergarten war es absolut kein Problem, weder mit den anderen Eltern noch mit den Kindern. Natürlich wurde ich von den Zwergen echt total ausgefragt warum ich jetzt die zweite Mami bin usw.

Als ihre Mutter, meine Frau 2017 Suizid beging war es natürlich heftig. Sie hatte jetzt keine Mama mehr und Papa war eine Frau aber auch das haben wir, vor allem aber sie echt gut gemeistert.

Im Kindergarten viel damals ein Satz den echt nur Kinder so bringen können. Ein Junge sagte zu ihr, dass er es total traurig findet, dass ihre Mama gestorben ist, aber sie hätte ja eh zwei.

In einem anderen Kapitel werde ich auf den Punkt "dickes Fell" noch gesondert eingehen, denn das braucht man in dieser Situation definitiv.

Auch wenn ich in den Augen meiner Tochter jetzt zwar eine Frau war, so blieb mir der Name "Papa" doch noch eine ganze Weile und ich denke ihr könnt Euch die Gesichter vorstellen wenn eine große Blonde Frau mit ihrem Kind durch den Supermarkt schlendert und einkauft, von niemandem groß beachtet wird und an der Kasse kommt dann die Frage "Papa, darf ich noch was Süßes haben?"

In der Situation muss man souverän drüber stehen, freundlich lächeln und durch. Ich habe meiner Tochter nie vorgeschrieben wie sie mich zu nennen hat mit einer Ausnahme. Das Wort "Mama" war für mich tabu weil ich ihre Mama damit nicht irgendwie verdrängen wollte und wir einigten und auf Papa, Mami oder einfach Sylvie.

Es dauerte seine Zeit bis der Name Papa Geschichte war. Heute ist es so, dass sie mich zu ca. 90% Sylvie nennt und manchmal Mami. Wenn sie über mich bei anderen redet oder in der Schule bin ich ganz normal die Mama oder Mami.

Relativ früh konnte ich mit ihr sehr detailliert über mein Thema reden, es ihr erklären so dass es für sie jetzt völlig normal ist, dass ich eben eine Frau bin.

Ein ganz entscheidender Moment dabei war meine OP und als ich danach eben genauso war wie sie, eben auch ein Mädchen und finden es beide total toll.

Gleichzeitig ist sie aber auch mein größter Kritiker, wenn es um Klamotten, Frisur, Outfit usw. geht. Wenn ich z.B. mehrere Tage hintereinander Hosen getragen habe, kann schon mal ein Spruch kommen, wann ich mal wieder ein Kleid oder Rock anziehe weil mir das besser stehen würde.

Uns beide hat das ganze sehr zusammen geschweißt und auch wenn es vielleicht blöd klingt, ich fühle mich auch nicht als Papa sondern als Mama.

Besonders schön finde ich es wenn wir zusammen "Mädels-Shopping" machen oder mal im Bad rumblödeln und Make-Up und Lippenstifte ausprobieren.

Ein weiteres Thema kam dann noch hinzu weil sich irgendwann rausstellte, wir werden nie eine ganz "normale" Familie werden, weil es keinen neuen Papa geben wird, da ich auch als Frau immer noch auf Frauen stehe.

Auch das war kein Problem und ich musste mit Freude feststellen, dass die Themen schwul, lesbisch usw. in einigen Kindersendungen schon behandelt werden.

Erst vor kurzem hat sie mir gesagt, dass man das mit uns dreien, also sie, meine Frau und mich "Regenbogenfamilie" nennt und sie das total schön findet.

Selbst beim Playmobil spielen ist einer der beiden Familien, die Familie Selzer bestehend aus einer blonden Tochter, einer blonden und einer dunkelhaarigen Frau.

Die Bedenken, die meine damalige Frau hatte blieben zum Glück aus, zu uns kommen alle möglichen Kinder, teilweise sogar schon gleich nach der Schule zum Hausaufgaben machen etc. und auch andere Eltern sind mal auf einen Kaffee hier. Kein Mensch stört sich daran.

Es gibt noch einen Punkt, den ich hier erwähnen möchte. Zum Zeitpunkt meines Outings hatte ich auch noch 2 Stieftöchter (15 & 17 Jahre alt). Eigentlich ja ein sehr schwieriges Alter, aber selbst mit ihnen und auch mit ihren Freunden und Freundinnen gab es nie Probleme. Für sie bin ich halt seitdem die Sylvie.