Bin ich jetzt hetero oder lesbisch?

Eine Frage die für mich lange nicht klar war, die mich ziemlich beschäftigt hat und seine Zeit gebraucht hat um die Antwort darauf zu finden.

Ich bin definitiv lesbisch. Na und? Ich habe mich als transsexuell geoutet da kann das Outing als lesbisch auch nicht schlimmer werden.

Ich persönlich finde die Themen "sexuelle Orientierung" & "Mit wem könnte ich mir Liebe und Beziehung vorstellen" kann man nicht wirklich getrennt behandeln. Aber in zusammengefasst in einem Kapitel wäre es viel zu umfangreich geworden. Daher die Trennung auf die folgenden zwei Kapitel auch wenn es dadurch zu Überschneidungen kommen wird.. 

Aber wie habe ich festgestellt, dass ich lesbisch bin?

Naja, fast 50 Jahre meines Lebens war ich ein Mann, ich stand immer schon auf Frauen (auch wenn ich lieber selbst eine gewesen wäre) und führte ein ganz normales Hetero-Familienleben.

Männer hatten mich nie interessiert und ich war nie ansatzweise schwul auch wenn ich schwule Männer kannte und damit überhaupt kein Problem hatte, genauso wenig wie mit lesbischen Paaren in meinem Bekanntenkreis.

Als bei mir aber der Punkt erreicht war, endlich als Frau zu leben wurde ich ziemlich unsicher und die Logik spiele mir einen Streich.

Ich bin jetzt also eine Frau, also ist es nur ganz normal wenn ich jetzt auf Männer stehe. Klingt ja erstmal logisch - ist es aber nicht.

Da ich Single war, war es für mich total klar, meine nächster Partner wird ein Mann sein. Ich hatte meine OPs mehr oder weniger gut überstanden und konnte mich durchaus als Frau sehen lassen.

Natürlich war ich auch mega neugierig wie "es" als Frau mit einem Mann ist. Nur wie, wo, wann mit wem?

Die Möglichkeiten als 50jährige Frau auf Sex sind sehr begrenzt bzw. das Risiko sehr groß. 

Abends auszugehen war für mich erstens schwierig mit Kind und zudem wohin? Und was dann? Ich muss zugeben es war mir zu gefährlich mich auf einen One-Night-Stand mit irgendjemandem irgendwo einzulassen.

Ich ging einen anderen Weg, der einige bestimmt abschreckt, der für mich aber genau der richtige war. Ich stehe dazu und schäme mich dafür kein bisschen. 

Die Lösung hieß Swinger-Club. Natürlich gibt es da große Unterschiede, es gibt sehr kleine, familiäre und auch total große. Für alle die jetzt denken, oh Gott, niemals, dass ist ja wie im Bordell, kann ich nur sagen, dass die wenigsten wirklich wissen wie es in so einem Club ist und was für Leute dort sind.

Es ist im Prinzip wie ausgehen in eine Disco nur halt erotischer und naja, es ist klar, dass die Leute die hier sind wenn es denn passt auch Sex wollen.

Für mich der entscheidende Unterschied, ich bin hier nicht alleine. Wenn was passiert was ich nicht will oder sich der auserwählte als "Psycho" rausstellt komme ich aus der Situation ohne Probleme wieder raus.

Auch ich war skeptisch vor meinem ersten Besuch und war total überrascht über die Leute in so einem kleinen Club. Das sind Leute wie Du und ich, die ein ganz normales Leben führen, einen normalen Beruf nachgehen ob im Büro, als Arzt, Verkäuferin oder sonst was. Ich denke es gibt im Freundeskreis bei vielen welche, die dort hingehen, nur man redet nicht drüber. Es ist wie ein lockerer Stammtisch bei dem es auch bei den Gesprächen um alles mögliche geht und nicht nur um das eine.

Jetzt war es also soweit und ich wurde auf die Männerwelt losgelassen und es kam nicht gleich beim ersten Besuch zu dem was mich mega neugierig machte. Der erste Abend war eher, ankommen, umschauen, nette Gespräche führen und um festzustellen, dass man durchaus das Interesse des einen oder anderen Mannes geweckt hat. Da die Leute in dem Club sehr nett und auch sehr neugierig waren, wurde ich sehr interessiert ausgefragt wie das so ist als Transfrau und es gab durchwegs positives Feedback, was sehr gut tat.

Beim zweiten Besuch passierte es dann, ein kam mit einem Mann, den ich sehr sympathisch fand näher ins Gespräch und der Abend nahm seinen Lauf. Ich hatte also meinen ersten Sex als Frau mit einem Mann.
Ich war glaube ich genauso aufgeregt wie ein Teenager bei seinem ersten mal. Meine Erwartungen waren hoch, sehr hoch, da ich mir diese Konstellation schon so oft vorgestellt hatte.

Das ganze dauerte nicht wirklich lange, es war schöner als das was ich kannte, aber an meine Erwartungen kam es nicht ran und befriedigt war ich bei weitem nicht. Ich dachte, OK vielleicht liegt es wirklich daran, das es bei meiner OP Komplikationen gab, vielleicht war er aber auch nur einfach nicht gut im Bett.

Die nächsten Wochen und Monate wiederholte ich das noch einige male und merkte, dass auch hier keiner wie der andere ist. Der eine ist eher etwas behutsamer, geht auf seine Partnerin ein, der andere ist mega egoistisch und es macht nicht wirklich Spaß. Aber egal wer, es wurde nie so, dass ich total begeistert gewesen wäre und mir gewünscht hätte sowas für immer zu haben.

Auch wenn die Männer sehr nett und sympathisch waren, als Mann an meiner Seite hätte ich mir keinen davon vorstellen können.

Ich wusste eigentlich gar nichts mehr. Noch dazu kam etwas was bei mir sehr komisch ist und ich weiß nicht ob mir hier die eine oder andere folgen kann.

Oft lag ich zu Hause auf der Couch und träumte mit offenen Augen von meiner Zukunft und meinen Sehnsüchten. Meine Träume waren sehr deutlich, ich sah mich als würde oben an der Decke eine Webcam hängen auf der Couch liegen mit dem Menschen an meiner Seite, einfach beim Kuscheln und Fernsehen. Aber in den Träumen lag nie ein Mann neben mir sondern immer eine Frau. Da lagen zwei Frauen die ein tolles Paar waren.

Ich fing an mir ziemliche Gedanken machen und es wechselte ständig. Ich war soweit, dass ich pro und kontra Listen erstellt habe.

Pro Mann

  • als Frau ist es normal einen Mann zu haben
  • ich wünsche mir Stärke und Geborgenheit
  • der Sex ist besser als früher (als Mann mit einer Frau und Frau mit Frau habe ich keine Erfahrung)
  • usw.

Pro Frau

  • Ich finde Frauen attraktiver 
  • Mit Frauen komme ich besser klar
  • Ich finde Frauen zärtlicher und einfühlsamer
  • Meine Tagträume
  • Ich finde viel Männer oberflächlich
  • usw...

Es war dann wirklich sehr lange so, dass zwar sehr vieles für eine Frau als Partnerin sprach aber ein wichtiger Punkt dagegen. Der Sex.

An einem Abend passierte im Club dann etwas, was ich überhaupt nicht geplant hatte. Ich lernte ein Paar kennen, bei dem sie bi war, beide waren sehr nett und so geschah es, dass ich meine erste Frau-Frau Erfahrung machte. Diese Erfahrung warf mich ziemlich aus der Bahn, denn es war ganz anders. Ich hatte eigentlich keine große Erwartung daran und wurde sehr überrascht. Es war wunderschön und ich genoss die gegenseitigen Zärtlichkeiten.

Als ich wieder zu Hause war verstand ich gar nichts mehr. Meine Zukunftsfantasie bekam einen Knacks. Was war passiert? Was ist mit mir los? 

Ab dem Zeitpunkt wusste ich, dass ich definitiv mindestes bi wenn nicht sogar lesbisch bin. Eigentlich eher lesbisch weil mich Männer seit dieser Erfahrung nicht mehr wirklich interessierten.

Allerdings blieb es bei der Erfahrung mit dieser einen Frau, zwar war es keine einmalige Sache aber es passierte nicht mit einer anderen. 

Nein verliebt hatte ich mich auch hier nicht, es passte zwar manches aber es war völlig ausgeschlossen.

Ich stellte fest, dass ich bei Frauen einen wesentlich höheren Maßstab ansetzte als bei Männern. In dem Club waren sehr oft Bi-Frauen aber keine fand ich interessant genug es zu probieren.

Aber es gab auch ein anderes Problem. Bei vielen Frauen, gerade wenn sie körperlich schwächer wirkten, vom Typ devoter waren als ich und keine Führungsstärke hatte, kamen bei mir alte, antrainierte Verhaltensweisen zum Vorschein, die ich nie wieder wollte. Ich wollte nie wieder der strake, männliche Part in einer Beziehung sein. Ich fühlte mich neben ihnen nicht zu 100% als Frau. Ein absolutes No-Go für mich.

Leider viel mir auch auf, dass viele lesbische Frauen entweder sehr feminin und zierlich sind (bei denen ich das "Mann"-Problem hatte) und die anderen oft zu sehr maskulin waren. Geschmäcker sind nun mal verschieden und ich persönlich stehe nicht so sehr auf Frauen, die wie ein Mann rüber kommen oder so aussehen.

Eigentlich hatte ich eine sehr klare Vorstellung von meiner Traumfrau. Sie ist weiblich, intellektuell mit mir auf Augenhöhe, nicht zu klein (so ab 175cm da ich mit 185 sehr groß bin), nicht zu dürr da ich sehr auf "Kuschelpolster" stehe und sie müsste eine gewisse Stärke und Geborgenheit ausstrahlen.

Noch dazu und das mag jetzt sehr oberflächlich klingen, aber für mich ist es definitiv nicht so, dass ausschließlich die inneren Werte zählen. Sie sind zwar deutlich wichtiger, aber optisch muss es halt auch passen.

Wenn ich mich mit jemandem über meine Wunschvorstellung sprach bekam ich die Antwort, die mir auch selber klar war.

Hey, ich bin 50, "nur" eine Transfrau, habe in dem Alter noch ein relativ kleines Kind, habe Probleme und Altlasten aus alten Beziehungen aber Ansprüche als wäre ich eine Mischung aus Cindy Crawfort und Julia Roberts. Eigentlich kann ich froh sein wenn ich überhaupt jemanden finde.

Es war also aussichtslos.

Ich wusste zwar jetzt wie meine sexuelle Orientierung ist und dass ich lesbisch bin aber ich bekam gleich das nächste Problem.

Die letzten Jahre und vor allem meine zweite Ehe haben mich beziehungstechnisch echt kaputt gemacht. Ich merkte, dass ich gar nicht mehr bereit war, jemanden so nah an mich ranzulassen, dass er oder jetzt besser sie mir nochmal so weh tun könnte.

Im Herbst 2019 habe ich dann aber doch eine Frau kennengelernt, die mich vom ersten Moment an völlig fasziniert hat.
Sie war genau die, die ich mir vorgestellt hatte. Es hat sofort gefunkt, sie war perfekt und es passte einfach alles. Es gab sie also wirklich, diese Traumfrau.

Obwohl sie am Anfang auch nicht wirklich viel über Transfrauen wusste und sich nicht sicher war wo genau der Unterschied zwischen Transvestit und Transgender lag, war sie zum Glück so tolerant und neugierig es herauszufinden und mich näher kennen zu lernen. Wir hatten uns beide extrem verliebt und hatte soviel gemeinsam.

Nur wie würde der erste Sex sein? Sie war eine erfahrene lesbische Frau, aber ich ihre erste Transfrau und sie für mich die zweite Frau überhaupt seit ich Sylvie bin. Ob das gut geht?

Unser erstes Date hatten wir gut zwei Wochen nachdem wir uns online kennen gelernt hatten und täglich stundenlang telefoniert hatten. Ich konnte mit ihr über alles reden, meine Ängste und Bedenken sogar über das Problem durch die Komplikation bei der OP (wird in einem anderen Kapitel näher beschrieben) und der Tatsache, dass die Ärzte davon ausgehen, dass ich nie einen wirklichen Höhepunkt bekommen werde.

Als wir uns dann trafen waren wir beide wahnsinnig nervös, aber es passte einfach zwischen uns. Wir fingen wirklich langsam an uns gegenseitig zu erforschen mit sehr viel Gefühl und Zärtlichkeit.
Auch für sie war auf einmal alles neu, da können die Chirurgen noch so gut arbeiten, eine lesbische Frau erkennt sofort die Unterschiede. Aber diese Unterschiede haben sie nicht abgeschreckt, sondern eher herausgefordert. Der Abend mit ihr im Hotel war das schönste was ich bis zu dem Zeitpunkt erlebt hatte und als ich dann noch nachts in ihren Armen eingeschlafen bin und sie mich festhielt als würde mich jemand klauen war es um mich geschehen. Ich war am Ziel.

In den folgenden Wochen hat sie sich im Internet wohl mehr im Internet mit dem Thema Transsexualität, Sex und meinem Problem befasst als ich.

Ihre Geduld und ich Ehrgeiz war grenzenlos und sie hat es tatsächlich geschafft, dass die Ärzte nicht Recht behielten und ich mich bei ihr so fallen lassen konnte und zum Höhepunkt kam.

Es war gleichzeitig der Höhepunkt meines neuen Lebens, denn mit ihr passte jetzt einfach alles zusammen und ich bin an ihrer Seite die glücklichste Frau der Welt.

An manchen Abenden werde ich zwar fast etwas traurig, dass ich sowas schönes erst mit 51 Jahren erleben durfte. Aber wie heißt es? Besser spät als nie.