Wie kam es dazu, dass ich mich geoutet habe?

Wie man an meinem Alter erkennen kann in dem ich mich geoutet habe erkennt man, dass es für mich sehr schwer war diesen Schritt zu gehen.

Ein Schritt, der sehr holprig war und nicht alles so reibungslos lief wie ich es mir gewünscht hätte.

Eigentlich fand das Outing in vier Etappen statt auf die ich jetzt im einzelnen eingehen werde.

 

Outing bei meiner Frau

Die Ehe mit meiner damaligen Frau hing am seidenen Faden. Es war viel passiert und eigentlich standen wir vor dem Aus. Treue und Eifersucht sowie die starken psychischen Probleme meiner Frau und ihre Alkoholsucht waren Themen die uns ans Limit brachten. Für mich waren Treue und Ehrlichkeit in einer Beziehung das Fundament und noch nie hätte eine Partnerin Angst haben müssen, dass ich fremd gehe.

Meine Frau war wahnsinnig eifersüchtig, obwohl ich dafür deutlich mehr Grund gehabt hätte, und ihr fiel auf, dass ich sehr oft wenn wir z.B. in der Stadt waren anderen Frauen nachgesehen habe.

OK, das ist jetzt bei vielen Männern nichts besonderes, aber bei mir war der Grund ein ganz anderer. Ich schaute nicht irgendwelchen Frauen hinterher sondern einem ganz besonderem Typ. Die Frauen waren alle so um die 40, relativ groß und blond. Sich dachte natürlich, ich stehe eben auf solche Frauen und da sie nicht so groß und hatte dunkle Haare wurde sie ziemlich sauer.

Der Grund warum ich gerade diese Frauen beobachtete, war aber, dass ich gerne so gewesen wäre diese Frauen, sie waren also quasi eher so eine Art "Vorbild-Frauen". Ich weiß nicht wie das anderen betroffenen in dieser Phase ging. Wie sollte ich ihr das nur erklären ohne, dass ich mein größtes und dunkelstes Geheimnis preis gebe.

Irgendwann eskalierte der Streit darüber komplett und ich fasste allen Mut zusammen und sagte und erklärte ihr den Grund. Unsere Ehe war so kaputt, dass ich in dem Moment hier nichts mehr zu verlieren hatte. 

Was ich in dem Moment völlig vergas, dass meine Frau wenn sie volltrunken war auch unberechenbar wurde und sie mich damit völlig in der Hand hat. Es war zwar gerade eine "trockene" Phase kurz nach einem Entzug, aber das hatten wir schon öfter.

Ich erklärte ihr also warum ich diese Frauen beobachtete und dass mit mir etwas nicht stimmt. Ich wünsche mir seit der Kindheit nichts mehr, als endlich eine Frau zu sein. Mein Kopf passt nicht zum Rest und ich drehe damit fast durch. Mir wäre klar, dass das nie möglich sein wird, weil es einfach nicht geht dazu zu stehen, hier in dem kleinen Dorf, vor meiner Familie, Freunden und Kollegen.

Ihre Reaktion hat mich völlig überrascht. Für sie war es zwar überraschend aber auch irgendwie OK, zumindest besser als wenn ich auf eine andere Frau stehen würde.

Sie meinte wir bekommen das hin, ich müsse dazu stehen sonst gehe ich daran irgendwann kaputt. Wenn es gar nicht anders geht müssen wir halt umziehen, irgendwo hin wo uns keiner kennt und wir von ganz vorne anfangen.

Bei meinen ersten Versuchen als Frau half sie mir sehr, sie half mir das Outfit zu finden, schminkte mich und frisierte meine Haare. Es war schön endlich mal mit jemandem darüber zu reden und es, wenn auch sehr eingeschränkt, zu leben. Sie war es auch die mich dazu gebracht hat, das erste mal so rauszugehen was natürlich sehr schwierig war, da meine Eltern im Nachbarhaus lebten.

Sie machte mich also zurecht und ich zog noch einen Jogginganzug drüber. Unser Ziel war es in die Nächste Stadt zu fahren und es zu testen.

Wir fuhren los und hielten nach einem Kilometer an, damit ich mich wieder umziehen konnte. Dann ging es weiter nach Altdorf zu Mc Donalds. Ich dachte zu dem Zeitpunkt eigentlich wir fahren durchs Drive-In und gehen vielleicht später irgendwo, wo uns kaum einer sehen kann ein paar Meter spazieren. Aber geirrt, als wir in Altdorf waren, sagte sie "Und Du gehst jetzt da rein und holst was zu essen. Du willst eine Frau sein, dann probiere es aus." 

Vor Angst hätte ich mir fast in die Hose gemacht aber ich zog es durch. Ich betrat also einen relativ gut besuchten Mc Donalds zum ersten mal als Frau, bestellte unser Essen, zahlte und ging wieder zurück zum Auto.

Und? Kein Mensch interessierte sich für mich. Ich fiel gar nicht auf in dem Trubel und war wahnsinnig stolz das geschafft zu haben. Ich fühlte mich zum ersten mal richtig gut, als Frau.

Leider wurde diese gute Stimmung dann aber auch wieder relativ abrupt beendet, da ich mich einen Kilometer bevor wir Zuhause waren ja wieder umziehen musste damit es niemandem auffällt. Ich war schlagartig wieder René, der Mann und ziemlich unglücklich.

Das ganze wiederholten wir die nächsten Wochen noch ein paar mal an unterschiedlichen Orten.

 

Die ersten Mitwisser

In den folgenden Wochen weihte ich verschiedene Personen ein, da ich mit irgendjemandem darüber reden musste.

Eine der ersten war meine beste Freundin. Ihre Reaktion war etwas überraschend für mich, weil sie nicht wirklich erstaunt war. Sie meinte damals, "Als ich Dich zum ersten mal sah, dachte ich nur, also irgendwas stimmt mit dem nicht. Also so richtig als Mann wirkt der nicht." Sie fand meine Entscheidung gut und half mir sehr mit mir und dem Thema klar zukommen. Sie war es auch später, die für den Namen "Sylvie" verantwortlich ist, aber dazu an anderer Stelle mehr.

Die zweite Person die ich einweihte war mein Neurologe. Bei ihm war ich seit meiner Erkrankung, Gehirntumor 2004, in Behandlung. Ich finde ihn als Arzt total super und hatte irgendwie das Gefühl mit ihm könnte ich darüber reden.
Auch er war nicht sonderlich erstaunt, klärte mich über verschiedene Punkte auf und sagte, er habe mehr Patientinnen, die trans wären. Das wäre doch nichts schlimmes.

Die dritte Person, und sie half mir wirklich sehr auf meinem Weg, war eine Psychologin bei der Diakonie. Bei ihr war ich alle zwei Wochen zur Therapie wegen der Problematik Alkoholsucht meiner Frau und Co-Abhängigkeit.
Es war seltsam, mit ihr konnte ich so offen reden als würde ich sie schon eine Ewigkeit kennen. Sie hörte sich sehr geduldig meine Gefühle und Ängste an, gab mir Tipps und war einfach für mich da.
Von ihr habe ich auch mein Lebensmotto nachdem ich die letzten Jahre lebe. Ich sagte ihr, es wäre wäre mein größter Wunsch endlich als Frau zu leben, aber ich weiß dass das nie gehen wird. Sie sagte mir dann, ich müsste es anders sehen.

"Ich habe ein großes Ziel. Ich kann es vielleicht aktuell noch nicht erreichen aber ich lasse es nie aus den Augen bis ich irgendwann am Ziel angekommen bin."

Sie hat es auch tatsächlich geschafft, dass ich als Frau zu ihr zum Termin ging. Sie meinte, sie würde mich sehr gerne als Frau mal kennen lernen und wenn ich mal als Frau komme würde sie sich sehr freuen.
Und eines Tages war es soweit, ich hatte wahnsinnige Angst, kleidete und stylte mich und fuhr zu unserem Termin, mittags in Neumarkt. Natürlich fand ich genau an dem Tag keinen Parkplatz im Hof und musste auch noch ein Stück laufen.
Ich klingelte, eine Kollegin von ihr machte auf, ich sagte meinem Namen und bei wem ich einen Termin hatte.
Die Frau drehte sich um und rief zu ihrer Kollegin "... die Frau Selzer ist da für Dich." Es war ein total schönes Gefühl.
An dem Tag beschlossen wir beide auch, dass sie mich ab sofort nur noch als Frau Selzer anspricht und ich bin danach zu jedem Termin als Frau zu ihr.
  

Mein Outing vor der Familie - der absolute Horror

Meine größte Angst beim Outing war, wie würden meine Eltern reagieren. Mein Vater war immer so stolz, dass er einen Sohn hat und die beiden waren ja auch plusminus 70 Jahre alt.
Würden sie das Thema verstehen oder aus allen Wolken fallen. Ich wusste es nicht und wollte es auch nicht herausfinden. Es geht einfach nicht. Ich war wieder an dem Punkt, ich bin halt leider ein Mann und muss in dem Leben da jetzt einfach durch. Ich war unendlich traurig über diese Erkenntnis.

An einem Abend im August, meine Frau war erneut rückfällig geworden und hatte extrem viel getrunken. Abend wie diese hatten wir oft, sie war total betrunken, depressiv, aggressiv, drohte mit Selbstmord und rastete Zuhause total aus.
Meine Eltern saßen auf ihrer Terrasse, oberhalb unserer Einfahrt und die große Stieftochter und eine Freundin von ihr saßen im Garten. Der Streit bei uns eskalierte in der Einfahrt und meine Mutter kam an Geländer und fragte, was denn schon wieder bei uns los ist.

Und was macht meine Frau? Sie schreit "Ihr wisst ja überhaupt nicht was los ist. Euer Sohn glaubt er wäre eine Frau. Er ist ne Transe!"

Bang!!! Es war also raus. Ich wollte im Erdboden versinken so sehr habe ich mich geschämt in diesem Moment und als ich so da stand hörte ich die Stimme meiner Mutter wie sie antwortete "Na und, das denke ich mir schon lange."

Wütend ging meine Frau ins Haus und ich schlich durch den Garten wie ein begossener Pudel. Die beiden Mädchen im Garten sagten, ich soll mich doch zu ihnen setzen und wir redeten über das was gerade geschah und was in mir vorging.
Meine Stieftochter war bei dem Thema relativ offen und ihre Freundin hat mich mit einer Frage sehr nachdenklich gemacht und überrascht. "Wenn Du an den Zeitpunkt denkst, an dem Du mal sterben wirst. Möchtest Du dann als Mann oder Frau sterben?" Die Antwort war klar, natürlich als Frau. Ich wäre in jeder Situation lieber Frau gewesen.

Auch wenn der Tag der größte Horror auf meinem Weg war, so war er doch gleichzeitig der Startschuss. Alle Menschen die mir im Leben wichtig waren wussten jetzt Bescheid, jeder kannte mein Geheimnis und ab hier gab es kein zurück und kein halten mehr. Mir war klar, jetzt ziehe ich es durch und zwar komplett.

 

Mein endgültiges Outing in der Arbeit und allgemein

Zu der Zeit hatte ich gerade Urlaub. Ich schrieb meinem Teamleiter, ein Kollege ein Jahr älter als ich und mit dem ich seit 15 Jahren in einem Büro sitze, eine Mail. "Ich brauche am Montag einen Termin, wir müssen reden, es ist dringend."
Mir war in dem Moment nicht bewusst, dass er dachte, ich will kündigen aber ich hatte meinen Termin gleich am ersten Arbeitstag kurz nach 8 Uhr. Wir saßen in einem Besprechungsraum und ich erzählte im von meinem Thema und meinem Entschluss mich zu outen und mein Leben in Zukunft als Frau weiterzuleben. Es war ein sehr angenehmes Gespräch und er sagte mir seine volle Unterstützung zu und er werde sich drum kümmern, dass ich einen Termin bei unserem Chef bekomme.

Das ging prompt, um 10 Uhr hatte ich einen Termin bei unserem Chef. Außer ihm waren noch mein Teamleiter, sein Vorgesetzter und eine Kollegin aus der Personalabteilung dabei. Nun saß ich also da vor vier Leuten und erzählte mein Anliegen. Es sprudelte förmlich aus mir raus und es war eine große Erleichterung, dass alle dafür Verständnis hatte.
Irgendjemand warf die Frage in den Raum wie es denn mit den Toiletten wäre, da ich ja eigentlich immer noch ein Mann wäre. Die Antwort von unserem Chef war eindeutig: Die Frage stelle sich für ihn gar nicht, ich benütze die Toilette, die ich benützen möchte und er dulde hier keinerlei Einwände. Wir wären schließlich eine tolerante Firma und alles andere wird von ihm nicht akzeptiert.

Dann war aber noch die Frage, wie informieren wir die Kollegen? Solle es schleichend seinen Lauf nehmen oder mit einem Rutsch als Info für alle. Ich entschied mich für alle auf einmal.
Da wir einmal im Monat eine sogenannte Flurinfo hatte, bei der unser Chef vor der versammelten Belegschaft Infos über die Firma, Aufträge, Finanzlage etc. bekannt gab war die Idee, er übergibt mir am Ende der Info das Wort.

Jetzt war er also da, der 5.September 2016, der Tag an dem es alle erfahren sollten. Eine halbe Stunde vor der Flurinfo, holte ich meine drei Abteilungskollegen zusammen. Mir war es wichtig, dass sie es schon vorher wissen.

10 Uhr, knapp 100 Kollegen und Kolleginnen hatten sich versammelt um die neusten Infos zu erfahren. Unser Chef trug alles Infos und Zahlen vor und sagte zum Abschluss. "Ich übergebe das Wort jetzt noch an den René, der euch noch was wichtiges sagen möchte". Stille und alles schauten gespannt was jetzt wohl kommt.

Ich weiß nicht woher diese Ruhe und Kraft in dem Moment in mir kam, ich stand da und sagte:

"Eigentlich ist es nix besonderes was ich euch zu sagen habe, aber für mich ein sehr großer Schritt der mich viel Überwindung und Kraft kostet. Ich bin transsexuell, so jetzt ist es raus. D.h. ich bin zwar körperlich als Mann geboren, nur mein Kopf und meine Gefühle sagen mir was anderes. Es war und ist eine große psychische Belastung, permanent allen etwas vorzuspielen was man eigentlich gar nicht ist. Leider etwas spät, aber nicht zu spät, habe ich jetzt die Kraft mein Leben in die Hand zu nehmen und so zu leben wie ich es möchte - Als Frau. Es wird sich an mir das eine oder andere ändern, Aussehen, Kleidung, Vorname (Sylvie) … aber eins bleibt gleich. ICH - Ich bin immer noch derselbe Mensch, nur jetzt halt freier und glücklicher. Vielleicht kann mich der eine oder andere verstehen oder auch nicht. "

Ich bedankte mich fürs zuhören und meine Kollegen fingen an zu klatschen. Nach der Aktion brauchte ich dann erst mal eine Zigarette an unserem Raucherplatz.

Das Feedback meiner Kollegen und Kolleginnen war umwerfend und es gab sogar die eine oder andere Träne.

Zuhause angekommen postete ich fast den den identischen Text auf meiner Facebook Seite als öffentlichen Beitrag.

Ich hatte es tatsächlich geschafft mich öffentlich zu outen und zu mir selbst zu stehen, ich Frau Sylvie Selzer.

Kleine Ergänzung noch. Als ich am 6. September ins Büro kam, war auf unserem Büroschild der Name "Sylvie Selzer" zu lesen und ich hatte die Anweisung vom Chef in der Telefonanlage sowie Mail-Server meinen Namen zu ändern.